Ehemalige: Was Arne Schlette in London macht? “London ist der größte und dynamischste Handelsmarkt Europas”

Ehemalige: Was Arne Schlette in London macht? “London ist der größte und dynamischste Handelsmarkt Europas”

Da hat man die Schulbank gerade erst vor gut und gerne 17 Jahren mit einem erleichterten Seufzer hinter sich gelassen, schon sieht man sich erneut konfrontiert mit einem weißen Blatt Papier  und den wohlvertrauten Erinnerungen an die Schwierigkeit, eine passende Einleitung für einen  Aufsatz zu finden. Offensichtlich ändern sich einige Dinge im Leben nie. (So auch meine Vorliebe für  Schachtelsätze, für die ich bereits im Vorwege um Entschuldigung bitte.)

Mir fällt der Ratschlag Kurt Tucholskys ein, das Ende eines Vortrages lange im voraus anzukündigen, damit die Zuhörer nicht vor Freude einen Schlaganfall bekommen, dann den Vortrag von vorne zu beginnen und noch eine halbe Stunde zu reden. Übertragend kann dies für mich zu diesem Zeitpunkt nur bedeuten:  Ich komme zum Schluss meines Aufsatzes.

Details über meine Schullaufbahn am Ulricianum erspare ich euch gerne – einige Lehrer waren sicher ganz froh, als bestimmte Individuen meines Jahrganges die Schule verließen (mich selbst eingeschlossen), misinterpretierten wir doch damals die oben erwähnte “Laufbahn” oftmals als die Distanz zwischen Schule und der guten alten Börse, die bisweilen in den Pausen vor und dann wieder nach vermeintlich überflüssigen Doppelstunden zurückgelegt wurde, da dort immer eine herrlich heiße Tasse Kakao lockte (ja, der wurde damals tatsächlich reichlich genossen). Als eines Tages gut zwei Drittel der Klasse fehlten, verlegte der Lehrkörper den Unterricht unverrichteterdinge in die Börse und vervollständigte damit ganz flugs die zuvor sehr lückenhafte Anwesenheitsliste. Diese Aktion führte bei uns Ertappten gleichzeitig zu Überraschung und Verdruss, hinterließ allerdings auch einen bleibenden Eindruck.

Zum Fachabitur reichte es schlussendlich jedoch noch, danach verweigerte ich erfolgreich den Dienst an der Waffe, auferlegte mir allerdings im Gegenzug, den damals noch 15-monatigen Zivildienst in einem Bereich zu absolvieren, in den mich mein späterer Werdegang vermutlich nicht wieder führen würde. Somit bewarb ich mich bei den von-Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Bielefeld und konnte im Oktober 1994 meinen Zivildienst an der dortigen Patmosschule für Kinder mit Schwerstmehrfachbehinderungen  antreten. In den Schulferien versah ich meinen Dienst in dem der Schule angeschlossenen Pflegeheim. Anfängliche Berührungsängste durch das Neue, Unbekannte legten sich bereits nach wenigen Tagen.  Die Erfahrungen, die ich in dieser Zeit sammeln durfte, haben mich persönlich sehr bereichert und ich kann jedem nur empfehlen, trotz kürzlich beschlossenen Wegfalls der Wehrpflicht ein freiwilliges soziales Jahr einzulegen. Möglichkeiten und Bedarf gibt es derer viele.

Nach dem Zivildienst beschloss ich nach Hamburg zu ziehen. Der Grund war nicht etwa eine dort gefundene Ausbildungsstelle, sondern schlicht, weil es mich in eine Grosstadt zog und mir Hamburg gefiel. Sicher keine der stabilsten Entscheidungsgrundlagen. Nach unzähligen Bewerbungen und mehrmonatigen Jobbens in den abenteuerlichsten Firmen fand ich einen Ausbildungsplatz bei einer kleinen Hamburger Seehafenspedition. Eine abwechslungsreiche Tätigkeit, in der ich mit Kunden aus aller Welt zu tun hatte, mit dem bürokratischen Mahlen der Zollamtsmühlen umzugehen lernte und auch ansonsten allerlei Kenntnisse aus Import, Export, Wirtschaft und Logistik erlangte. Nach der Ausbildungsprüfung zum Speditionskaufmann mit Schwerpunkt Schifffahrtsspedition blieb ich dort noch weitere 2 Jahre und wechselte dann mangels beruflicher Perspektive von dieser Dienstleistung auf die “andere Seite”, die Industrie.

Bei einem Hersteller von Paraffinwachs, das ich anfangs lediglich mit Kerzen in Verbindung brachte, begann ich als einfacher Auftragssachbearbeiter für die Gebiete Europa, Südafrika und Südamerika. Nach 2 Jahren stieg ich zum Sales Manager für West Africa, USA and Middle East auf. Diese Position ermöglichte es mir, Geschäftsreisen in einige westafrikanische und Länder des Mittleren Ostens zu unternehmen. Die Eindrücke von dort, in Westafrika insbesondere Mali, Ghana, Elfenbeinküste, Sierra Leone und Liberia (in den beiden letztgenannten war kurz zuvor ein langjähriger Bürgerkrieg zu Ende gegangen) und im Mittleren Osten Ägypten und besonders Libanon, zähle ich sowohl beruflich als auch persönlich zu den wichtigsten und augenöffnendsten meines Lebens.

Nach 5 Jahren ging es beruflich aber auch dort nicht weiter, und da meine damalige britische Partnerin und ich bereits seit über einem Jahr zwischen Hamburg und London pendelten, fiel die Entscheidung des Auswanderns nicht sehr schwer. Nach vorherigem Kontaktieren unzähliger Jobagenturen, deren übereinstimmende Aussage  war, dass Bewerbungen erst Sinn machten, wenn ich definitiv nach England gezogen sei (heute weiß ich, dass diese Aussage totaler Quatsch ist), ging es im August 2007 mit Sack und Pack, Kitsch und Krempel auf die Insel.

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Dank EU sind Einreise und Hinzug ein Kinderspiel, doch der Teufel steckt wie üblich im Detail: Meldepflicht ist in Grossbritannien ein Fremdwort, Personalausweise gibt es nicht. Die Briten halten einen Pass, viele haben einen Führerschein, der aufgrund der Adressangabe als Ausweismittel anerkannt ist. Mit meinem deutschen rosa Lappen komme ich, was das betrifft, nicht sehr weit.

Erste Aktion nach Ankunft war die Eröffnung eines Girokontos, wir schreiben, wie gesagt, das Jahr 2007. Die freundliche Dame in der Bank fragt mich, aus welchem Deutschland ich denn käme. Meinen leeren Blick vernehmend konkretisiert sie die Frage:  “Federal Republic of Germany or German Democratic Republic?” Laut Kalender ist es der 29. August und nicht der 1. April, also gebe ich höflich die richtige Antwort (wer sie kennt, darf sie behalten). Ein paar Fragen zur Person, dann bittet sie um einen Proof of Address, dies könne eine Utility Bill (Festnetztelefon-, Strom- oder Gasrechung) oder eine Council Tax Notice (Abwasser-, Müllgebühren etc.) sein. Habe ich alles nicht. Ein Kontoauszug ginge auch. Ich lächle gequält. Sie meint es nicht so, sie liest ja nur die Vorgaben vom Bildschirm ab.

Ich fühle mich ein wenig wie der Schuster Vogt bei seinem Passantrag im “Hauptmann von Köpenick” (ohne Pass keine Wohnung, ohne Wohnung kein Pass) – ohne Bankkonto bekomme ich weder Telefon-, Gas- oder Stromanschluss, die ich allerdings für mich allein auch nicht benötige, da ich mir die Wohnung ja mit meiner Freundin teile, ohne diese Dinge jedoch, zumindest ohne Rechnung für solche, bekomme ich wiederum kein Bankkonto. Zum Glück hilft ein Anruf bei der Stromgesellschaft:  Könnt ihr meinen Namen zu dem meiner Freundin hinzusetzen und mir dann die jüngste Rechnung derart geändert noch einmal schicken? “Of course, mate, no problem.” Excellent. Easy, that was! Amüsiert von diesem anfälligen System ließ sich alles andere dann auch mehr oder weniger erfinderisch lösen und die “Basics” waren somit geschaffen.

Was die Jobsuche anging, machte ich sehr schnell die Erfahrung, dass aufgrund der zu jenem Zeitpunkt niedergehenden britischen Wirtschaftssituation die Jobfindung nicht so einfach war wie anfangs angenommen und von Jobagenturen propagiert. Arbeitgeber suchten gerne Professionals mit Zweitsprache, zahlten aber viel weniger als für vergleichbare Positionen beispielsweise in Deutschland üblich. Mit weitaus höheren Lebenshaltungskosten in London als in Hamburg war ein Zweitjob somit unumgänglich, der, wenn man nicht wählerisch ist, allerdings auch relativ fix zu haben ist. Ich z.B. endete an den Wochenenden zeitweilig bei einem bekannten amerikanischen Fast Food-Unternehmen, um das ich kulinarisch gesehen seitdem einen weiten Bogen schlage.

Meine Ansprüche sanken von Absage zu Absage, so dass ich irgendwann einfach einen Job in einem der unzähligen Call Center annahm und im Laufe der Monate diverse Male zu etwas besser bezahlten Angeboten wechselte. Von anderen Call Centern ging es über Marketingagenturen und kleinen Handelsfirmen bis zu einem taiwanesischen Produzenten von LCD-Flachbildschirmen, bei dem ich ab Sommer 2008 für die DACH-Region [Deutschland-Österreich-Schweiz] im Sales Support arbeitete und zumindest endlich wieder einige meiner Kenntnisse anwenden konnte. Leider verschlechterte sich die finanzielle Situation dieser Firma rasant (ohne mein wissentliches Zutun), so dass ca. die Hälfte der Belegschaft entlassen wurde und wir Verbliebenen vor der Wahl standen, entweder eine 30prozentige Gehaltskürzung zu akzeptieren oder uns in die Schlange vor dem für uns zuständigen Jobcenter einzureihen.

St Katherine's Dock

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Der Kündigungsschutz ist in Grossbritannien bei weitem nicht so entwickelt wie in Deutschland, so gibt es bei einer betrieblichen Zugehörigkeit von unter 12 Monaten beispielsweise keinerlei rechtliche Einspruchsmöglichkeiten.

Nach ein paar Monaten zähneknirschender Akzeptanz des gekürzten Gehaltes und zahlreicher Überstunden (die Arbeit der entlassenen Kollegen musste ja von uns verbliebenen Mitarbeitern aufgefangen werden), verließ ich diese Firma Ende Dezember 2009 und begann eine Tätigkeit in einer Handelsfirma für Nüsse. Eine der langweiligsten Positionen meines Lebens, aber ich befand mich ja auch nicht bei “Wünsch Dir was”.

Diese hatte für mich allerdings von vornherein lediglich einen Übergangscharakter, da ich mich bereits einige Zeit zuvor mit der Option der Selbständigkeit auseinandergesetzt hatte und schon sporadische Handelsgeschäfte in Übersee abschließen konnte, vorwiegend natürliche Rohstoffe für die kosmetische Industrie in Nigeria, die ich in China einkaufte.

Für den britischen Markt traf ich mit der Henkell Sektkellerei KG in Wiesbaden eine Vereinbarung, die Marke Söhnlein Brillant als Alleindistributor einzuführen. Da der Markt für alkoholfreie Getränke hierzulande noch in den Kinderschuhen steckt, beschlossen wir, mit den beiden alkoholfreien Sekten der Marke zu beginnen, das Risiko dabei jedoch für alle Beteiligten gering zu halten.

Auf ausgewählten, gehobenen Wochenmärkten wie in Chelsea oder Southwark, Festivals und Tradeshows wie der Fine Food & Wine Show in Winchester/Hampshire begann ich direkt Kunden anzuwerben, zum Verkosten einzuladen und zum Kaufen anzuregen. Im Laufe der Monate kamen mehr und mehr Veranstaltungen dazu, deren Ergebnisse hilfreich waren, Einzelhändler davon zu überzeugen, die Produkte zu listen. Die Eröffnung eines Online-Shops hilft mir mittlerweile, Kunden in ganz Grossbritannien sowie auch vereinzelt in den USA zu bedienen (dem Tourismus in London sei Dank).

Seit Dezember 2009 sind die Produkte in diversen Supermärkten in London und bei ein paar Distributoren außerhalb Londons erhältlich. Um weitere Kundengruppen anzusprechen, erreichte ich im Februar 2010 zur Erweiterung des Sortiments eine Vereinbarung mit der Firma Völkel in Höhbeck/Wendland, deren alkoholfreie Cocktails und Guarana-Cola ebenfalls als Alleindistributor in Grossbritannien zu vertreiben. Meine Anstellung hatte ich bereits Ende März 2010 gekündigt, um mich komplett auf die Einführung der Getränkemarken und Überseegeschäfte konzentrieren zu können.

Aufgrund starker Nachfrage aus meinem Kundenkreis nach alkoholfreiem Bier erweiterte ich das Sortiment wiederum im Sommer 2010 um 3 Biere, darunter das heimatliche Jever Fun.

Mittlerweile hat eine schöne Zahl gehobener Einzelhändler “meine” Produkte im Sortiment, die Presse wurde hier und da auf die für hiesige Verhältnisse relativ neue Produktsparte aufmerksam, was sicher dazu beitrug, dass ich das Glück habe, derzeit mit 2 der größten Supermarktketten im Lande in Verhandlungen zu stehen (bitte die Daumen drücken!).

Whole Foods Market High Street Kensington

London ist der größte und dynamischste Handelsmarkt Europas, in jeder Hinsicht. Es bieten sich unzählige Möglichkeiten für Händler, ihre Produkte anzubieten, da es eine Vielzahl von Festivals und Feierlichkeiten gibt und im Grunde jedes London Borough interessante und hochfrequentierte  Märkte unterhält, wie z.B. den Borough Market, Petticoat Lane Market, Greenwich oder Camden Market. Hier stehe ich noch ganz am Anfang der Möglichkeiten und habe mich vor wenigen Wochen entschlossen, zusammen mit einem Geschäftspartner das Sortiment um Hot Food zu ergänzen, so dass nun neben den Getränken auch das traditionellste deutsche Gericht, nämlich Original German Bratwurst aus Thüringen erhältlich ist. Der erste Testlauf verlief auch sogleich äußerst zufriedenstellend. Falls ihr einmal in London sein solltet und keine Fish & Chips mehr sehen könnt, seid ihr herzlich eingeladen.

Zurückblickend auf den anfangs erwähnten Ratschlag Kurt Tucholskys stelle ich fest, dass ich mich ganz gut daran gehalten habe… Vielen Dank also an alle, die bis an diese Stelle durchgehalten haben. Well done!

Falls ihr mit dem Gedanken spielt, euch beruflich nach Grossbritannien im allgemeinen bzw. London im besonderen zu verändern, stehe ich euch sehr gerne für Fragen und Hilfestellungen zur Verfügung. Meine Kontaktdaten sind unten angefügt.

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Erfolg für die verbleibende Schulzeit und das früher oder später bevorstehende Abitur.

Arne Schlette

Email: arne.schlette@btconnect.com

www.birchmere-enterprise.co.uk

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