Auricher Bücherfrühling – eine Lesung im Historischen Museum

Auricher Bücherfrühling – eine Lesung im Historischen Museum
Unter der Überschrift „Web World“ gab es am 14.4.2011 eine Lesung mit Auricher Schülerinnen und Schülern, die eigens zu diesem vorgegebenen Thema Texte verfasst hatten.
Anders als am 16.4. falsch in den ON dargestellt, handelte es sich im Vorfeld der Veranstaltung nicht um ein längeres Projekt, sondern die von den drei Ulricianern vorgetragenen Texte kamen (- wie sollte es anders sein?-) aus den Reihen des Literarischen Zirkels. Die Schüler/innen der AG hatten sich dem Thema gestellt, wir besprachen die Ergebnisse in der Gruppe, und Joost, Sabine und Jan-Niklas wagten damit den Schritt auf die Bühne. Ralf Krüger von Regialog (auf dem Foto ganz links) moderierte den Abend. Ronald Richardt vom Ostfriesischen Landesmuseum Emden (ganz rechts) trug einen eigenen Text vor.

Joost und Sabine waren sozusagen gerade erst aus ihren Abiturklausuren wieder aufgetaucht, Jan-Niklas (Abitur 2010) kam extra aus Wilhelmshaven, wo er zur Zeit seinen Grundwehrdienst leistet.
Sabine liest „Verbindung abgebrochen“, einen Text über die enttäuschte Online-Liebe von „Rainy-day“ zu „Checkerboy92“. Solveigh Zieske liest ihr Gedicht über das tödliche Ende einer Internet-Freundschaft. Sie besucht den Jg. 10 der Realschule. 

Joost fühlt sich wunderbar ein in ein etwas älteres Semester, das es noch auf seine alten Tage mit Experimenten im Internet versucht, und beschreibt damit vielleicht in ironischer Überspitzung eine Erfahrung, die manche/r jenseits der fünfzig wiedererkennt. Sehr lustig und unten nachzulesen.
Jan-Niklas‘ Text ist ein bisschen philosophisch und endet ebenso charmant wie nachdenklich. Wikipedia, Facebook, Google, da sind wir doch alle dabei, aber wie verändern sie unser Leben, unsere Wahrnehmung? Text und Autor werfen einen klugen Blick darauf.

Über das Gelesene wurde anschließend munter diskutiert und beraten.
Das war ein schöner Abend mit ca. 40 Besuchern, wie die ON schreibt. In der „Börse“ ließen wir Ulricianer/innen bei dem einen und anderen Kaltgetränk die Sache noch ein bisschen ausklingen. Die Lehrerin, die Schüler, der Soldat – am Ende sind wir einfach ein paar Leute, die gern gute Worte machen und hören oder lesen, unser Leben einmal in anderer Gestalt, beschrieben, anderes gedacht und nachgeklungen, das Instrument Sprache geschärft und geprüft und genutzt. Es ist so schön, wenn etwas schön ist, zum Beispiel ein Wort, ein Satz, eine Metapher.
Es war noch ein Termin mehr in für mich übervollen Tagen, aber ich freue mich so sehr, dass es diesen Literarischen Zirkel gibt (und dass so manche/r ihm die Treue hält weit über das Abitur hinaus).
Machst du mit? Mail an Kt.
Christien Korte

Verbindung abgebrochen (Sabine Vu)

Mary war 15 Jahre alt, nicht sonderlich auffallend hübsch, trug eine Brille, eine Zahnspange – ein ganz normales Mädchen. Ein ganz normales, ruhiges Mädchen ohne Freunde. Meist war sie zuhause, ging nicht aus, während sich andere in ihrem Alter trafen, shoppen gingen, Spaß hatten. Weil niemand auf die Idee kam, Mary zu fragen. Weil niemand etwas mit ihr zu tun haben wollte. Mit der Brillenschlange.

Doch Mary beklagte sich nie, auch wenn sie sich oft einsam fühlte.

Und dann bekam sie ihren eigenen Computer zum Geburtstag, nach zwei Monaten dann auch einen Internetzugang, was Mary sehr glücklich stimmte. Sie freute sich auf neue Menschen, Menschen aus der ganzen Welt und stürzte sich in Chatcommunities und verstand sich schnell mit vielen Leuten gut, was ihr neuen Mut machte.

Und dann hat sie sich verliebt; in Checkerboy92, der in Wirklichkeit Christoph hieß. Marys erste große Liebe, mit der sie viel Zeit verbrachte und der sie ihre Liebe zeigte, soweit es nur im virtuellen Paradies möglich war.

Dann wollte Christoph ein Foto von ihr und sie bekam Angst. Würde sie ihm denn überhaupt gefallen? Was, wenn nicht? Das wollte sie unbedingt verhindern. Mary beschloss daher, ein Mädchen, das sie im Chat als Freundin gewonnen und mit dem sie bereits einige Stunden zusammen in der Stadt verbracht hatte, da sie nicht so weit weg voneinander wohnten, anzurufen. „Hey, Isabella, könntest du mir vielleicht helfen? Du weißt ja, wie ich zu Schminken stehe und … ich brauche deine Hilfe.“ Isabella versprach ihr, sofort zu kommen.

Isabella strahlte sie an, als Mary mit gefühlten drei Tonnen Schminke im Gesicht vor ihr stand. „Du siehst super aus!“, quiekte sie, griff zu ihrer Kamera, weil Mary keine hatte, und schoss Fotos. „Ich denke, der Typ wird total auf dich abfahren! Ich lad‘ die Fotos gleich hoch, wenn ich zuhause bin und schick sie dir, ja?“ Mary schminkte sich hastig ab – sie mochte Schminke nicht -, nachdem Isabella mit einem selbstzufriedenen Grinsen nach Hause gegangen war.

Eine halbe Stunde später meldete sich Isabella im Chat, Mary war aufgeregt. Sie hatte sich selbst noch nicht mit dem Puderzeug gesehen.

*SweetIsabella: mein inet is grad schlecht ich schick dir die fotos später ok???

*Rainy_Day: oh alles klar…kann man nix machen 🙁

*SweetIsabella: oder gib mir mal die nummer von dem kerl ich versuch es ihm direkt zu schicken, damit er nich mehr so lang warten muss

*Rainy_Day: hmm…ich weiß nicht so recht…naja gut. 745724952

*SweetIsabella: a’s kla, ich versuchs dann mal, er wird sicher begeistert sein

*Rainy_Day: danke nochmal, Isa

*Checkerboy92: hey 😀

*Rainy_Day: hey…ähm und?

*Checkerboy92: hamma… 😀 ich lach mir grad einen ab hahahahaha

*Rainy_Day: ?

*Checkerboy92: http://img/images43556_slajghtlw.comhttp://img/images43556_slajghtlw.comoh mann ich kann nicht mehr alter

Als sie auf den Link klickte, wusste sie, wieso Christoph so herzhaft lachte: Sie sah ein Mädchen mit ihrer Brille, ihren Augen, ihrem Mund, ihrer Nase, in die Kamera lächelnd. Doch das Lächeln hatte nichts mehr Schüchternes, Sanftes, sondern etwas Hässliches, Albernes an sich. Sie sah einem dunkelgeschminkten Clown in die durch die verschiedensten Lidschattenfarben umkreisten Augen.

Sie war froh, dass sie den Computer hatte. Sie war froh, dass er mit einer Internetverbindung ausgestattet war. Mary sah in dieser die Chance, ein „neues“ Leben anzufangen, der Realität zu entkommen, Freunde, die sie noch nie wirklich hatte, zu finden. Und jetzt merkte sie, dass das Internet bloß ein weiteres großes Spinnennetz und sie eine ahnungslose, naive Fliege war, die an den kalten Fäden hing, um ihr Leben kämpfte, zappelte, bis sie einsah, dass der Tod immer näher kroch und sie nichts mehr tun konnte.

Immer mehr Leute setzten ihre Kommentare unter das grässliche Foto.

„omg maaaaaary, die brillenschlange“

„augenkrebs“

„jetzt sieht sie schöner aus als vorher hahaha“

„ich hasse sie, sie nervt voll“

„hässliche mary!“

Und so floh Mary. Freiwillig in den Tod.

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Neu hier (von Joost Grünefeld)

Also gut. So sieht das ganze jetzt von innen aus. Dieses Internet. Hmm. Okay, dann wollen wir mal… warte, was?! Ich kann viertausend Euro gewinnen, wenn ich diese Frage beantworte?! Jetzt verstehe ich, warum mir mein Sohn empfohlen hat, on Lein zu gehen. Man bekommt einfach so Geld, für die einfachsten Dinge!! Die Antwort auf die Frage ist B. Unglaublich, dass das neununddreißig Leute aus meinem Umkreis nicht gewusst haben. Was für Trottel. Die Jugend wird auch immer dümmer. Klick ich also auf B. Moment. Was ist denn jetzt los?! Was ist… wieso öffnen sich so viele Fenster, und wieso blinkt dieses Zeichen unten rechts rot auf?! Was soll das gelbe Ausrufezeichen?! Hilfe!! Ich soll die Seite schließen?! Aber nein, da gewinne ich Geld, warum soll ich das zumachen?? Naja, besser auf den Compjuter hören, der wird schon wissen, was gut für ihn ist. Schade, das Geld hätte ich brauchen können. Komm ja mit meiner Rente kaum über die Runden. Wie dem auch sei, die Frage ist jetzt eh verschwunden.Stattdessen steht da was Neues, jetzt steht da… Oh mein Gott!! Ich habe ein Auto gewonnen!! Nur weil ich der tausendste Besucher dieser Seite bin!! Unglaublich!! Das Internet ist ja wirklich toll, da kann ich ja auf die verlorenen viertausend Euro verzichten, wenn ich jetzt mein Auto verkaufen kann!! Also auf den Pfeil klicken und mein neues Auto abholen… hey, was ist denn jetzt schon wieder los!? Das nervige gelbe Ausrufezeichen ist wieder da!! Und das rote Licht auch. Ich glaub’s nicht, die wollen mich schon wieder um meinen Gewinn bringen. Ja, so eine Scheiße aber auch!! Dieses Auto hätte all meine Probleme gelöst. Verdammt. Also auch dieses Fenster wieder schließen. Die Anzeige, dass ich ein Auto gewonnen habe, ist natürlich weg. Hat sich jetzt sicher der tausendunderste Besucher unter den Nagel gerissen. Ich sah’s schon vor mir, mein schönes Auto. Aber na gut, ich bin ja eigentlich auch nur hier, um… Wow!! Einsame Frauen wollen MICH?! Das mir das noch passiert, auf meine alten Tage!! Ich könnte einen… Gesprächspartner brauchen, wo doch meine liebe Frau Rosie vor ein paar Jahren von uns gegangen und mein Sohn mit seiner Frau und den Kleinen ausgezogen ist. Die sind ja mal hübsch, die jungen Dinger. Und zeigen… ganz schön viel Haut. „Folge uns hier“. Euer Wunsch ist mir Befehl. Hehe. Und diesmal ist mir das egal, was der Compjuter einzuwerfen hat. Ich habe das Recht, selbst zu bestimmen, was ich tun und lassen will. *Klick* Na also. Diesmal lassen mich die leuchtenden und blinkenden Dinger in Ruhe. Meine Telefonnummer wollen die?! Okay, sehen wir mal, das ist…

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Das Internet und ich (von Jan-Niklas Neldner)

In einem gelben Schimmer geht die Sonne unter. Mit einem Knopfdruck steigt sie surrend im blauen Neonschein wieder auf. 24/7 Tageslicht. Diese Möglichkeiten. Hunderte Freunde bei facebook, doch habe ich nie den herben Geschmack eines Bieres unter Freunden gekostet, vergessen, wie ein Händedruck sich anfühlt. Wikipedia sagt mir, was ich wissen möchte, bild.de, was ich denke. Ein Russe erklärt mir den politischen Einfluss chinesischer Unternehmen in einem afrikanischen Land und bild.de bestätigt, während ich nicht registrieren kann, wie sich vor meinem Fenster eine neue Autobahn lärmend durch die Landschaft frisst. Ich studiere bei youtube jede einzelne Bewegung der besten Sportler der Welt, doch bin nicht in der Lage, mich zu bewegen. Zärtlichkeit, körperliche Nähe teuer erkauft, jedoch nie gespürt, die Realität aus den Augen verloren. Meine Eltern werden zu Schattengestalten in einer Nacht, die es nicht mehr gab. Ein Individuum liegt im Sterben, obwohl ich mitten im Leben stehe. In tausenden Foren gefeiert, im System gescheitert. Ich bin zuhause und dennoch allein. Mein eigener Schatten droht mich zu erdrücken, unter pausenloser Last. Ob ich glücklich bin? Ich habe es noch nicht gelesen.