EEZ: „Politik- und Ethikunterricht mit Energie“ (ON-Artikel)

EEZ: „Politik- und Ethikunterricht mit Energie“ (ON-Artikel)

Ulricianum plant im Experimentarium / Zukunftslabor des EEZ konsequent interdisziplinären Unterricht Von Karin Baumann
Aurich. Wie geht es im Experimentarium/Zukunftslabor im Energie-Erlebnis-Zentrum (EEZ) in Sandhorst voran? Gespräch im Ulricianum. Am Tisch sitzen Hardwig Kuiper, Aurichs Erster Stadtrat und Initiator des EEZ, sowie ein Lehrer für Latein und Geschichte, einer für Politik und Geschichte. Experimentarium/Zukunftslabor, ist das nicht nur etwas für die Mint-Fächer Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik?

Hardwig Kuiper, Erster Stadtrat, zeigt den Baufortschritt.

Hardwig Kuiper, Erster Stadtrat, zeigt den Baufortschritt.

Die Antwort ist eindeutig: Nein. Der Lateinlehrer, Rüdiger Musolf, ist stellvertretender Schulleiter. Als Musolf von den Plänen für das EEZ hörte, war er sofort Feuer und Flamme. „Es wäre töricht gewesen, sich da nicht zu melden“, sagt er. Das fanden auch seine Kollegen. Zwölf Lehrer aus Chemie, Biologie, Physik, Geschichte, Politik, Erdkunde und Religion/Philosophie planen seit rund zwei Jahren, wie das Experimentarium/Zukunftslabor für den Unterricht genutzt werden kann. Vor Ort losgehen soll es ab September 2015. Ein Jahr später könne dann der Vollbetrieb laufen, so Kuiper. Vollbetrieb, das heißt, dass das Ulricianum und andere Schulen dort regulären Unterricht abhalten. Das können (kombinierte) Doppelstunden oder Projekttage sein. Der Unterschied zum Zentrum für Natur und Technik (ZNT), das ebenfalls im EEZ untergebracht ist: Im ZNT verbringen Klassen eine Unterrichtseinheit, die von den Machern des Zentrums erdacht wurde und auch geleitet wird. Im Experimentarium/Zukunftslabor gibt es nur zwei Laborassistenten, die die Räume und Gerätschaften in Ordnung halten. Den Unterricht gestalten die Lehrer komplett selbst; betreute Module gibt es nicht.

Zwischen den Bauteilen 2 und 4 ist bereits ein Gang angelegt Fotos: Baumann

Zwischen den Bauteilen 2 und 4 ist bereits ein Gang angelegt
Fotos: Baumann

An der Kopfseite der größten Sichel des EEZ entstehen im ersten Obergeschoss derzeit ein Raum für Biologie und einer für Chemie. Getrennt werden die beiden Klassen durch eine bewegliche Wand – schnell wird aus zwei Zimmern eine interdisziplinäre Klasse. Die Anschlüsse an der Wand und auf dem Boden deuten an, wo Schüler an Gruppentischen arbeiten werden. Abgetrennt davon ist das Laserlabor, wo Schüler in Kleingruppen an Lasertechnik arbeiten können. Der zentrale Raum ist das Zukunftslabor. Die Fenster haben hier die Form eines „E“s und eines „Z“s, denn das Zukunftslabor liegt genau hinter dem EEZ-Schriftzug. Obwohl „Zukunftslabor“ am stärksten nach Naturwissenschaften klinge, sei der Raum für die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, die sich im EEZ ebenfalls mit Fragen der Energiegewinnung und Nutzung befassen werden, sagt Kuiper. Sieben Arbeitsplätze, sogenannte Lerninseln, wird es geben, alle ausgestattet mit modernster Technik wie Smart-TVs. Anschließend an das Zukunftslabor liegt hinter einer gläsernen Fensterfront der Physikraum. Auch hier ragen Kabel aus der Wand. Etwa ein Drittel des Labors lässt sich noch abtrennen. Hier soll Platz sein für Großgeräte. Was genau, wird derzeit überlegt. Von einem Windkanal ist die Rede, aber auch anderes kommt infrage. Der Großgeräteraum ist allerdings ein Schmankerl. Zuerst werden die Unterrichtsräume eingerichtet, der Rest vom noch zur Verfügung stehenden Geld abhängen. Ergänzt wird das Experimentarium durch einen öffentlichen Plenarsaal. Versuche, welche Schüler in einem der Labore machen, lassen sich in andere Räume übertragen und am Bildschirm verfolgen. Die Ausstattung der Klassen sei „auf Universitätsniveau“, sagt Musolf, „zum Beispiel für Experimente zur Farbstoffanalyse.“ Dafür gebe es weder die Gerätschaften noch das Material in der Schule. Es werde standardisierte Experimentierkästen geben, sagt Joachim Gerdes. Der Politiklehrer ist auch in der Planungsgruppe, hat sich wie seine Kollegen in anderen Schülerlaboren informiert. „Wenn Klassen von außerhalb vor Ort sind, sollen die sofort mit dem Unterricht loslegen können, weil alles nutzbar vorliegt“, sagt Gerdes.

Außerschulische Lernorte motivierten Schüler und Lehrer immer, meint er weiter, aber beim Experimentarium/Zukunftslabor hätten sich so viele Synergieeffekte ergeben, wie es niemand erwartet hatte. Der Mehrwert für den Unterricht sei so groß, dass die Lehrer einen großen Teil ihrer Freizeit gerne in die Planungen investiert hätten und später die Anfahrt in den Pausen in Kauf nähmen. Denn „Energie“ steht in vielen Fächern auf dem Lehrplan.

Im September 2015 geht das Experimentarium/Zukunftslabor im Energie-Erlebnis-Zentrum (EEZ) an den Start. Foto: Banik

Im September 2015 geht das Experimentarium/Zukunftslabor im Energie-Erlebnis-Zentrum (EEZ) an den Start. Foto: Banik

Ab Herbst 2015 können Schüler ab Klasse sieben im Physiklabor experimentell lernen, wie eine Windkraftanlage funktioniert. Im Zukunftslabor informieren sie sich im Anschluss über Konsequenzen von Energiegewinnung und diskutieren diese. Stichworte seien Verspargelung, Schlagschatten und Geräusche, Stromtrassen, Bürgerwindparks, Förderprogramme und vieles mehr, so Gerdes. Das Thema Energie solle auf der Sach- und der Werteebene diskutiert werden, und zwar auch hinsichtlich gesellschaftlicher und persönlicher Konsequenzen. Außer der Vermittlung von Wissen stünden „gelebte Interdisziplinarität“ und das Lernen von Kompetenzen im Zentrum.

Interdisziplinarität ist ohnehin ein Schlagwort. Neben dem Zusammenwirken von verschiedenen Fächern, wo beispielsweise ein Physik- und ein Politikkurs in ihrem jeweiligen Themengebiet forschen, um sich dann gegenseitig die Ergebnisse vorzustellen, ist damit auch das Zusammenwirken verschiedener Bildungseinrichtungen gemeint. Denn das Ulricianum erstelle jetzt eine „Blaupause für andere Schulen“, sagt Kuiper. Er sei dem Kollegium für den Einsatz bei der Planung sehr dankbar. Die Räume und Konzepte sollen auch die IGS und BBS, die Realschule und andere ostfriesische Gymnasien nutzen können. Das Studienseminar und das Regional-Pädagogische Zentrum binden die Räume in die Lehreraus- und -weiterbildung ein. Sogar Hochschulen könnten profitieren, weil die Technik in der Region einmalig sei und hier spätere Studenten gewonnen werden können, sagt Musolf. Für die immer bedeutsamere Berufsorientierung ergäben sich im EEZ faszinierende Möglichkeiten.

Vieles ist noch abzustimmen und zu regeln. Der Bustransport und die Zeitstruktur des Unterrichts müssen koordiniert werden, Curricula werden an die neuen Möglichkeiten angepasst. Noch ist vieles nicht spruchreif. Fest steht aber, dass die Räume am Wochenende und in den Ferien nicht verwaist sein sollen. Dann könne es Workcamps geben, die die Jugendherberge organisiert; Facharbeiten, Wettbewerbe, AGs und die Auricher Wissenschaftstage könnten profitieren. Den Planern mangelt es nicht an Ideen.