ON-Artikel EEZ: „Philosophen liefern verrückte Ideen“

ON-Artikel EEZ: „Philosophen liefern verrückte Ideen“

Lehrer mehrerer Fächer des Auricher Gymnasiums fast fertig mit neuartigen Unterrichtskonzepten für das EEZ

Von Karin Baumann
Aurich. Wenn die drei Lehrer vom Auricher Gymnasium Ulricianum die Labore betreten, fangen sie automatisch an zu strahlen. Rüdiger Musolf, Joachim Gerdes und Harald Bathmann arbeiten seit Jahren mit Kollegen aus mehreren Fächern an einem Unterrichtskonzept für die Schülerlabore im neuen Auricher Energie-Erlebnis-Zentrum (EEZ).

Viele abstrakte Gedanken haben sie sich gemacht. Wo kommt das Thema Energie im Lehrplan vor? Wie kann man Fächer untereinander so vernetzen, dass viele Teil-informationen ein Gesamtbild ergeben? Wie lässt sich die Ausstellung des EEZ dabei nutzen? Welche Ausstattung sollten die Labore haben? Und wie kann man die Räume so einrichten, dass die Schüler selbstbestimmt und ohne Zeitverlust an außergewöhnlichen Experimenten lernen können?

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Bild 1/4 Hinter den Buchstaben in der Fassade des Energie-Erlebniszentrums befinden sich die künftigen Labore für Schülergruppen. Für Biologie, Chemie und Physik gibt es Experimentallabore. Gesellschaftliche Aspekte der Energienutzung werden im Zukunftslabor besprochen. Fotos: Banik

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Inzwischen seien aus den ersten Richtzielen Grobziele und konkrete Unterrichtseinheiten geworden, erläutert Musolf, stellvertretender Schulleiter des Ulricianums, das pädagogische Herangehen. In langen Listen steht, welche Fragen die Schüler der einzelnen Jahrgänge in unterschiedlichen Fächern behandeln können. Und mit welchen Medien und Methoden sie das tun sollen.

Das Experimentarium/Zukunftslabor soll noch vor den Sommerferien mit ersten Oberstufenschülern des Gymnasiums Ulricianum in die Pilotphase gehen. Dann folge ein Schuljahr mit Probebetrieb, in dem organisatorische Details geklärt und vielleicht weitere Einheiten entwickelt werden sollten, sagt Musolf. Auch wenn das Ulricianum nach der Planungs- noch die Probephase verantwortet, seien andere Schulen während der Pilotphase nicht aus den Räumen ausgeschlossen.

Zum Konzept gehört, dass Schüler ab dem 8. Jahrgang das Thema Energie unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachten. Das Thema „Kraftfeld Erde – Biomasse“ ist dann nicht nur Teil des Bio- oder Erdkundeunterrichts, sondern wird auch unter politischen Aspekten analysiert. Politiklehrer Joachim Gerdes nennt gleich eine ganze Reihe von Ansatzpunkten: Genehmigung von Biogasanlagen vor Ort, Lobbyismus/Interessenpolitik/Bürgerinitiativen, Unternehmensformen/Genossenschaften, Strukturwandel der Landwirtschaft/Flächenfraß, Globalisierung des Rohstoffhandels/Preisentwicklung sowie Handelsabkommen. Die Unterrichtseinheiten sollen als „Blaupausen“ anderen Schulen zur Verfügung gestellt werden.

Physiklehrer Harald Bathmann ist begeistert über die Laborausstattung. Die Chemiker haben an jedem Arbeitstisch Propangasanschlüsse, Druckluft sowie eigene Hähne für Stickstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und CO 2 . Die Ausstattung sei auf Profi-Labor-Niveau, sagt Bathmann.

Im Physikbereich werde vor allem mit Koffern gearbeitet, damit die Schüler schnell mit der Arbeit beginnen können. Assistenten bereiten die Labore vor, kontrollieren die Koffer auf Vollständigkeit und bauen bei Bedarf größere Experimente auf oder geben Einweisungen. Lehrerarbeitstische gibt es nicht mehr im Experimentarium, denn die Schüler sollen sich die Versuche selbst erschließen, unter Anleitung der Pädagogen.

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Koffer gibt es zu den Themen Intelligente Stromnetze, Windenergie, Induktion und Radioaktivität. Dass Schüler zu Letzterem experimentieren könnten, sei weit und breit ein Alleinstellungsmerkmal, so Bathmann. Durch sehr empfindliche Messinstrumente könnten die Schüler die natürliche Radioaktivität beispielsweise von Radon in der Umgebung messen – „weit unterhalb aller Grenzwerte“, sagt der Physiklehrer. Gefährlich seien die Versuche nicht. Aber Versuche über Ablenkung oder Abschirmung von Strahlung und zur Identifizierung verschiedener Strahlungsarten führten die Schüler fast immer zu der Frage: Was hat das mit mir zu tun?

Im Zukunftslabor werden philosophische Fragen gestellt
Ethische und politische Fragen sollen bewusst direkt neben den Labortischen gestellt werden. Dafür gibt es das Zukunftslabor, in dem sich Wirtschafts-, Politik- und Philosophielehrer mit ihren Klassen tummeln. „Die Philosophen haben oft die verrückten Fragen, die die herkömmliche Betrachtung auf den Kopf stellen“, sagt Musolf, „ich bin schon sehr gespannt.“ Gespannt ist auch Bathmann. Mit der Technik, den Koffern und einem Laserlabor ist das Experimentarium schon sehr gut ausgestattet. Aber die Physiker wünschen sich noch ein Röntgengerät und einen großen Windkanal, in dem die Schüler experimentieren können wie Universitätsstudenten. Ob diese letzte große, sechsstellige Investition jedoch noch durch das Budget gedeckt ist, muss demnächst der Aufsichtsrat entscheiden.

Musolf sieht das Geld gut angelegt. Gegenüber Schülern in Universitätsstädten hätten die Ostfriesen einen Startnachteil, weil sie weniger gute Technik in der Nähe hätten. Diese Lücke werde das EEZ jetzt schließen. „Das Experimentarium/Zukunftslabor ist ein experimenteller Anlaufpunkt höchster Qualität“, sagt er.

Nicht nur die neuen Unterrichtsideen möchte das Ulricianum im EEZ umsetzen, auch das Kerncurriculum kann hier unterrichtet werden. Das führe zu einer großen Auslastung, sagt Musolf. Und in den Ferien könnten Schüler dort für Facharbeiten recherchieren oder sich für Jugend forscht oder die Auricher Wissenschaftstage vorbereiten. Die Unterrichtsmodule sind so gedacht, dass auch Schüler von außerhalb ohne große Einweisung im EEZ experimentieren können. So sollen auch die Ferien genutzt werden: durch Klassen auf Klassenfahrt oder durch Wissenschafts-Camps, zu denen sich anmelden kann, wer Spaß am Experimentieren hat. Dafür gebe es bislang kaum Anbieter auf dem Markt, sagt Kuiper.

Von den Kollegen hören die Lehrer seit Langem interessierte Fragen. Die wichtigste: „Wann geht es denn endlich los?“ Ganz fest steht das noch nicht. Die Unterrichtseinheiten werden in Ruhe durchgespielt und Fehler behoben. Während sich das EEZ dann für viele Schüler öffnet, planen die Ulricianer schon weiter. „Die Physiker haben sich auf fünf Unterrichtseinheiten festgelegt für den Anfang“, sagt Bathmann, „aber wir haben schon zehn neue Ideen im Kopf.“ Und die ver-rückten Einfälle der Philosophie-Schüler sind da noch nicht mal mitgezählt.
Labore auf Universitätsniveau für Auricher Schüler

Fotos: Banik

Quelle: Ostfriesische Nachrichten – 20. April 2015