ON: Seekrankheit ist ein Problem

ON: Seekrankheit ist ein Problem

VON MARCO LINDENBECK
Justine Wilke aus Oldeborg ist mit dem Forschungsschiff „Thor Heyerdal“ mittlerweile auf Teneriffa angekommen

Oldeborg/Teneriffa. Für ihren großen Traum hat die 15-jährige Justine Wilke aus Oldeborg große Opfer gebracht. Sie passt auf kleine Kinder auf oder arbeitet im Gulfhof Ihnen. Seit Oktober hat Justine Wilke ihr Klassenzimmer am Auricher Gymnasium für einen Platz auf dem Dreimasttopp-Segler „Thor Heyerdal“ eingetauscht. Dort kann sie in einem eher ungewöhnlichen Klassenzimmer die zehnte Klasse zu Ende bringen. Für die Ostfriesischen Nachrichten berichtet die Schülerin über ihre Erlebnisse:

„Wasser, tiefblaues Wasser und sonst nichts, kilometerweit – bis zum Horizont. Ein halbes Jahr lang segele ich gemeinsam mit 33 anderen Jugendlichen mit dem Projekt „Klassenzimmer unter Segeln“ der Friedrich Alexander Universität Erlangen-Nürnberg in die Karibik und zurück. Das Projekt startete am 15. Oktober in Kiel, und während wir unsere Familie und Freunde an Land zu immer kleiner werdenden Punkten verschwinden sahen, hieß es sofort „alle Mann an die Schooten“ und Kurs auf Teneriffa, unser erstes Etappenziel.

Sofort wurden wir in den Bordalltag eingeführt und bekamen alle wichtigen Aufgabenfelder auf der Thor Heyerdahl erklärt. Hierfür wurden wir in vier Wachgruppen eingeteilt, die das Schiff jeweils drei Stunden tagsüber und nachts fahren. Meine Wache war auf der ersten Etappe von 8 bis 11 Uhr und während dieser Zeit lernte ich, wie die einzelnen Segel und Tampen an Bord heißen, das Schiff richtig zu steuern und stündlich das Wetter und unsere Position ins Brückenbuch und in die Seekarte einzutragen. Natürlich wurde uns aber auch gezeigt, wie man ein Segel richtig setzt und birgt. Zusätzlich zu der seglerischen Praxis wurden nautische Inhalte in einer täglichen Freiarbeit theoretisch vertieft. Außerdem hat jeder Schüler alle 8 bis 9 Tage Backschaft, in der er gemeinsam mit zwei weiteren Schülern und einem Crewmitglied alle Mahlzeiten des Tages für die 50-köpfige Besatzung zubereitet.

Zwischen diesen einzelnen Aufgaben haben wir dann Freiwache, was hier an Bord so viel wie Freizeit bedeutet. Auch meine Gitarre kam schon für das eine oder andere Ständchen an Deck zum Einsatz. Der einzige Wermutstropfen war die Seekrankheit, die bei vielen recht schnell nach dem Übergang von der Elbe in die Nordsee einsetzte. Auch das Duschen und Anziehen ist bei Seegang gar nicht so leicht, da man zum einen dem Wasserstrahl hinterherlaufen und dann beim Anziehen eine Methode finden muss, sich gleichzeitig festzuhalten und den Pullover über den Kopf zu ziehen.

Und auch nachts gab es für alle fleißigen Wachgänger viel zu sehen. So konnten wir beispielsweise wunderschöne Sternenhimmel, wie ich sie in Ostfriesland noch nie gesehen habe und ganz viel Meeresleuchten beobachten. All diese Erscheinungen begleiteten uns während der ganzen Überfahrt nach Teneriffa und werden dies glücklicherweise wohl auch weiterhin tun.

Am vergangenen Sonnabend hieß es dann wieder „Land in Sicht“ – Teneriffa direkt voraus. Wir hatten unser erstes Etappenziel geschafft. Dieses Gefühl, dort am Steuer zu stehen und zu wissen, dass wir alle gemeinsam unser Schiff hierhergefahren haben, war einfach unbeschreiblich. Nun werden wir erst mal einige Tage in Santa Cruz auf Teneriffa verbringen. Dabei werden wir den Pico del Teide, den höchsten Berg Spaniens besteigen, aber auch das Thor Heyerdahl Museum an den Pyramiden von Güimar besuchen. Dort haben wir hoffentlich das Glück, ein Interview mit Jaqueline Beer Heyerdahl, der Witwe des norwegischen Forschers Thor Heyerdahl zu führen, um zu erfahren, wie das Zusammenleben mit der Person, nach der unser Schiff benannt wurde, war.“

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