Eröffnung der Auricher Wissenschaftstage 2017

Eröffnung der Auricher Wissenschaftstage 2017

Am Freitagabend (10.02.2017) war es wieder einmal so weit: Die 27. Auricher Wissenschaftstage wurden in feierlichem Rahmen im Foyer der Sparkasse am Marktplatz eröffnet.

 

Zunächst begrüßte Herr Grün, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Aurich-Norden, den Referenten des Abends, Herrn Dr. Friedrich Schorlemmer, und stellte im Anschluss ein Zitat Martin Luthers in den Mittelpunkt seiner Überlegungen zu den politischen Entwicklungen unserer Tage: „Dem Volk aufs Maul schauen“. In einem weiten Bogen streifte er Globalisierung und Digitalisierung ebenso wie den Brexit, den schleichenden Zerfall der europäischen und der demokratischen Idee und den weltweiten Aufstieg der sogenannten „Populisten“ wie Trump, Le Pen, Wilders etc. Angesichts dieser Entwicklungen seien Bildung einerseits und glaubhaft vermittelte Politik andererseits wichtiger denn je. Die Demokraten dürften nicht kapitulieren, forderte Herr Grün energisch.

 

Die Eröffnungsgrußworte sprach Prof. Dr. Dr. Hans Michael Piper, Präsident der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Dieser lobte zunächst die illustren Gäste, welche den Auricher Wissenschaftstagen in der Vergangenheit bereits ihre Aufwartung gemacht haben, darunter nicht zuletzt zahlreiche Nobelpreisträger. Herr Prof. Dr. Dr. Piper warb für eine Stärkung der MINT-Fächer sowie das wissenschaftspropädeutische Arbeiten allgemein an Schulen und hob in diesem Zusammenhang hervor, wie begeistert und begeisternd Wissenschaftler in ihrer täglichen Arbeit seien. Das Stipendiatenprogramm der Auricher Wissenschaftstage eigne sich deshalb in besonderer Weise dazu, junge Menschen für die Wissenschaft zu gewinnen. Herr Prof. Dr. Dr. Piper stellte die gute Arbeit und Vernetzung seiner Universität heraus und zeichnete ein positives Bild von der universitären Bildungslandschaft im Nordwesten. Er warb im Übrigen dafür, dem Beispiel vieler seiner Kolleginnen und Kollegen zu folgen, die stets offen und interessiert mit jungen Menschen wie den Stipendiaten der Auricher Wissenschaftstage das Gespräch suchten, immer erfüllt von der Überzeugung, dass die nächste gute Idee, der nächste wissenschaftliche Impuls gleich „um die Ecke lauern“ könne.

 

Diese Impulse kamen im Anschluss von zwei Stipendiatinnen der BBS II Aurich und von der Ulricianerin Anna Frühling, die einige Woche auf dem Forschungsschiff „Meteor“ verbracht hat (wir berichteten) und ihre Erfahrungen sehr interessant und für die Zuhörer anschaulich vorstellte.

 

Im Hauptvortrag dieses Abends fand Herr Dr. Schorlemmer zunächst einen gelungenen Einstieg, indem er einen angeblich authentischen Hammer präsentierte, den er selbst ausgegraben habe und den zweifelsohne Luther selbst zur Befestigung seiner bekannten Thesen verwendet habe. Die augenzwinkernd gemeinte Verbindung zur „postfaktischen“ Moderne war zur Erheiterung der etwa 350 Anwesenden schnell herbeigeführt. Herr Dr. Schorlemmer verwies auf eine Fernsehsendung aus dem Jahre 2003, in der Martin Luther hinter Konrad Adenauer zum zweitgrößten Deutschen aller Zeiten gekürt worden war. Groß sei aber nur der zu nennen, um den sich Legenden rankten, und dies sei bei Martin Luther sehr wohl der Fall, wie der Hammer zum Einstieg des Vortrages bereits schlagend bewiesen hatte. Später verwies er auch noch auf die Legende des angeblichen Besuches des Teufels bei Martin Luther auf der Wartburg, der mit Tintenfass nach jenem geworfen haben soll; eine Anekdote, die noch heute v.a. amerikanische Touristinnen und Touristen in die Wartburg führe.

 

Im Hauptteil seines unterhaltsamen episodenhaft gehaltenen Vortrages ließ sich Herr Dr. Schorlemmer zu unterschiedlichen Aspekten von Luthers Leben und Wirken aus. Er stellte dabei insbesondere den v.a. individuell akzentuierten Freiheitsbegriff in den Mittelpunkt seiner Gedanken. Auch die Kategorien „Wahrheit und Lüge“ spielten eine prominente Rolle in den Ausführungen und boten so einen relevanten Anknüpfungspunkt zu den bereits angesprochenen postfaktischen Zeiten, in denen wir heute zu leben scheinen. Zur Verschmelzung kamen die Begriffe der Freiheit und der Wahrheit in der von Herrn Dr. Schorlemmer aus den Worten Luthers abgeleiteten Forderung, Wahrheit nicht als Anspruch an andere zu begreifen, sondern die eigene innere Freiheit als Aufforderung zu verstehen, stets der Wahrheit das Wort zu reden. Äußere Freiheit nütze dem Individuum nichts, wenn es innerlich Bevormundung akzeptiere und Meinungen anderer kritiklos übernehme. Freiheit könne man im Übrigen nicht von jemand anderem gewährt bekommen, sondern müsse sie sich immer selber nehmen, sie ergreifen. Demzufolge sei auch das Wort von Schillers Marquis de Posa aus „Don Carlos“ falsch, der vom König verlangte: „Geben Sie Gedankenfreiheit!“

 

Luther habe erkannt, führte Herr Dr. Schorlemmer weiter aus, dass der Mensch die „Hölle“ in sich trage und beispielsweise die Gier, wie aktuell von Trump als Haupttriebkraft unserer westlichen Gesellschaften ausgemacht, einen solchen Teil der Hölle bedeute. Freiheit könne auch durch eigene Handlungen verloren gehen, wie dies bei Kain der Fall gewesen sei. Statt den anderen zu achten oder ihm sogar Hochachtung entgegenzubringen, entschied sich Kain zum Brudermord; der resultierende Freiheitsverlust habe sich bereits in der biblischen Beschreibung seines gekrümmten Ganges niedergeschlagen. Dieser Grundkonflikt menschlicher Natur sei vermeidbar gewesen, so Herr Dr. Schorlemmer, hätte Kain innere Freiheit besessen und somit auch die Fähigkeit, die innere Freiheit des anderen zu akzeptieren.

 

Im abschließenden Teil seines Vortrages brachte Herr Dr. Schorlemmer die literarischen Qualitäten Luthers zur Geltung, der nicht einfach „nur“ Übersetzer der Bibel gewesen sei, sondern diese Übersetzung auch mit einer literarischen Qualität ausgeführt habe, die einzigartig und bewundernswert sei. Auch Luthers Erläuterungen zu den zehn Geboten hob der Referent diesbezüglich hervor. Kritischer beäugte er jedoch einige populäre Zitate, die Luther zugeschrieben werden, deren Herkunft sich jedoch nicht zweifelsfrei nachweisen lasse. Zu diesen zählen beispielsweise: „Hier stehe ich und kann nicht anders! Gott helfe mir, Amen!“ Aber auch folgende Wendung sei nicht als Lutherzitat zu belegen: „Wenn ich wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Dieses stamme aus einem 1944 verfassten Trostbrief eines Pfarrers an einen Kollegen.

 

Nachdem Herr Dr. Schorlemmer mit anhaltendem freundlichen Applaus sowie einem Geschenk bedacht worden war, stand er sowohl für das Signieren seines neuen Buches als auch für einen privaten Plausch zur Verfügung. Viele der Anwesenden verweilten nicht zuletzt aus diesen Gründen noch bei einem Getränk weit über das Ende des Vortrages hinaus.

 

Text: PG

Fotos: Niklas Bohlen