Nebel im August

Nebel im August

Euthanasie. Es begann mit einer Einzelfallentscheidung und reifte zur Zwangssterilisation und dann zur systematischen Tötung von „behinderten“ Kindern und Erwachsenen in der NS-Zeit. Das Programm forderte bis 90 Tage nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands etwa 300.000 Opfer in den „Euthanasie“-Gasmordanstalten und anderen Heil- und Pflegeanstalten durch Vergasung, Medikamente oder gezieltem Verhungernlassen. Dieses Thema behandelten wir bereits ausführlich faktisch im Geschichtsunterricht.

 

Noch nie haben wir miterlebt, wie ein Kino so leise verlassen wurde.

Obwohl wir dachten, dass wir uns mit der gesamten Grausamkeit des Themas ausführlich auseinandergesetzt hatten, wurde uns an diesem Tag besonders auf emotionaler Ebene richtig bewusst, wie grausam es wirklich war.

Der aus dem Ruhestand gekommene Wilfried Lange bereitete einen informationsreichen und interessanten, sowie aufwühlenden Projekttag für uns vor. Gemeinsam mit Frau Steevens-Schnell, Herrn Janssen und Herrn Robben begleitete er uns durch den Workshop „Nebel im August“.

Es begann mit einem gekürzten Dokumentarfilm zur Euthanasie, mit Hinblick auf den Kinofilm. In diesem wurde ein wenig über das Schicksal des Protagonisten von „Nebel im August“ Ernst Lossa erzählt. Unter anderem berichtete die Schwester Ernst Lossas von ihrem Bruder und ihren Erfahrungen in der NS-Zeit. Ein besonderer Schwerpunkt wurde dabei noch einmal auf die Verfolgung von „rassisch minderwertigen Menschen“ gelegt, die „nur kostenaufwändige Mitesser“ waren, so wie sie von Hitler bezeichnet wurden. Ihnen wurden auch Ernst Lossa und seine Familie zugeordnet, die zu den „Jenischen“ gehörten und damit als Zigeuner galten. Des Weiteren setzten wir uns dann in Gruppen mit verschiedenen historischen Dokumenten auseinander. Darunter einige Plakate und Grafiken zu Behinderten um 1939, der Sprache der Rassenideologie, den total willkürlichen Gesetzen zur Erbgesundheit und den von vornherein von Hitler deutlich gemachten Ansichten zur Rassenideologie und der Erbreinheit des deutschen Blutes, welche er wiederherstellen und wahren wollte. Anschließend befassten wir uns mit filmischen Darstellungskriterien zur Veranschaulichung von Dramatik, indem wir verschiedene Emotionen (passend zum Thema) vorgeschrieben bekamen und diese in einfachen Fotos festhalten sollten. Zuletzt fanden sich die teilnehmenden Klassen 10f und 10g in einem Raum zusammen, in dem Herr Lange uns noch einmal zusätzlich auf den Kinofilm vorbereitete. Dabei ging er noch einmal auf die Filmdramaturgie ein und zeigte uns in dem Zusammenhang verschiedene Szenen aus dem weltbekannten Meisterstück „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg. Weiterhin setzten wir uns mit dem Thema auseinander, ob man an ein so grausames, spezielles Ereignis der Weltgeschichte überhaupt filmisch herangehen kann oder darf, besonders aufgrund der Tatsache, dass „Nebel im August” ein Spielfilm ist.

 

Dann ging es ins Kino. „Nebel im August“ basiert auf den echten Akten des Ernst Lossas, welcher damals in Kaufbeuren festgehalten und später dort auch getötet wurde. Lossa wurde unter anderem als schwer erziehbar, als assozialer Psychopath und als Dieb von einem Kinderheim in die Heilanstalt in Kaufbeuren überwiesen. Als das Programm T4, und damit das Euthanasieprogramm für die Öffentlichkeit abgeschafft wurde, begannen die einzelnen Heilanstalten, also auch die psychiatrische Einrichtung in Kaufbeuren, das Töten von Behinderten selbst fortzuführen. Ernst Lossa durchblickte mit wenigen weiteren Menschen das systematische Töten und versuchte Kinder vor dem Tot zu bewahren, was sich später auch in seinen Akten wiederfinden lässt. Desweiteren lassen sich noch andere Widerstandsaktionen nachweisen. Im Film begleitet ihn auf seinem Weg die fiktive Figur Nandl. Freundin und Hoffnungsträgerin, welche für die wenigen Überlebenden des Euthanasieprogramms steht. Erst als Lossa die Fädenzieher direkt konfrontiert, setzen sie sich gegen ihn durch und er wird getötet.

 

Wie oben bereits erwähnt, hätte man zum Ende des Films eine Stecknadel fallen lassen können. Nicht nur die tiefe Bestürzung wie Menschen zu solchen Taten fähig sind, sondern auch tiefe Betroffenheit über den Tod des mutigen Widerständlers Ernst Lossas lies uns verstummen. Nach diversen Diskussionen im Klassenverband sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass die filmische Darstellung dieses schwierigen Themas nicht nur möglich, sondern von dem Regisseur Kai Wessel und dem Drehbuchautoren Holger Karsten Schmidt exzellent umgesetzt wurde. Sich überhaupt an dieses Element der deutschen Geschichte heranzutrauen, verdient unsere besondere Anerkennung. Besonders zu würdigen sind darüberhinaus die herausragenden schauspielerischen Leistungen, beispielsweise die des Ivo Pietzcker, der den Protagonisten unglaublich gut verkörpert, sowie die Leistungen und die Arbeit mit den tatsächlich körperlich und geistig beeinträchtigten Kindern. Auch die unmenschlichen Tötungsverfahren werden in dem Film äußert aussagekräftig wiedergegeben. Ein besonderer Schwerpunkt fällt dabei auf die sogenannte E-Kost (Entzugskost – abgekochte Gemüsesuppe, der jeder Nährwert durch den Kochvorgang entzogen wurde), in der Realität erfunden von dem Leiter der Klinik Valentin Falthausen, welcher im Film mit Dr. Gärtner zu der fiktiven Person Dr. Werner Veithausen zusammenschmilzt, welcher ebenfalls den Direktor der Klinik darstellt.

Dieser sorgte in der Klasse durch seine zwiegespaltene Persönlichkeit für besonderes Aufsehen. Einerseits unglaublich menschlich und freundlich, besonders im Umgang mit den sich in der Heilanstalt befindlichen Kindern, andererseits der Entscheidungsträger über Leben und Tod und der Mann, der zahlreiche Menschen am lebendigen Leibe mit seiner E-Kost verhungern lies, obwohl sie aßen.

Zur Abrundung des Projektes besuchte Herr Lange uns noch einmal im Unterricht und klärte uns über die filmischen Darstellungsmittel, auch im Hinblick auf unsere Schullaufbahn, in der wir noch öfter auf die Aufbereitung von Filmen treffen werden, auf.

 

Zum Abschluss wollen wir uns noch einmal bei den Lehrern für den unglaublich informativen, gleichzeitig doch so aufwühlenden und zum Nachdenken anregenden Tag bedanken, der wieder einmal zeigt, dass man die Zeit 1933-1945 niemals vergessen kann und darf. Besonders die Aufklärung über die Geschehnisse sind für unsere Gesellschaft von äußerster Wichtigkeit.

So etwas darf nie wieder passieren.

 

Von Constanze Rudolph und Famke Wolters (10 F)