Religion und Spiritualität in der Ich-Gesellschaft

Religion und Spiritualität in der Ich-Gesellschaft

„Religion und Spiritualität in der Ich-Gesellschaft“  stand auf der Tagesordnung der 27. Auricher Wissenschaftstage. Spannend:  Ich-Gesellschaft? Was heißt das genau? Welche Bedeutung hat  Religion heutzutage? Gibt es einen Weg zum Glauben?  Welche Bedeutung, welche Autorität hat Kirche in den modernen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts?  Kann Glaube Sinn stiften? Und welche Konsequenzen hat das für die persönliche Lebenspraxis? Wie wörtlich ist die Bibel zu nehmen?  Ist Religion mit Aufklärung vereinbar?

Der Philosophiekurs „pl 801“ beschloss, die Referentin zu einem Gespräch einzuladen, und diese sagte zu. Bei Kaffee, Ostfriesentee – das ist ja Ehrensache – und selbstgebackenen Muffins fand man sich in gemütlicher Runde zusammen, um noch vor dem Vortrag genauer nachzufragen.

Nun ist der Glaube ja erstmal Privatsache – in diesem Gespräch stellt die Frage danach jedoch kein Problem dar. Die bekennende Katholikin erzählt freimütig, wie sie persönlich zu ihrem Glauben gekommen sei. Aufgewachsen im Sauerland, auch familiär katholisch „geprägt“, sei  es vor allem ihr Engagement im Bereich der „Eine-Welt-Arbeit“ gewesen, die ihre  Wertschätzung  von gelebter Solidarität, die über den eigenen Nahbereich hinausgehe, wachsen ließ.  Die persönliche Überzeugung zu erforschen und zu überprüfen, „verstehen wollen, was ich glauben soll“, sei eine starke Motivation für die spätere Berufswahl gewesen … das Studium der Katholischen Theologie  erfolgte in Kombination mit dem Studium der Sozialwissenschaften. Die wissenschaftliche Erforschung von christlicher Religion auf individueller wie auch gesellschaftliche Ebene ist derzeit ihr Tätigkeitsbereich und ist auch Thema des abendlichen Vortrags.

Ist die Moderne im Zuge zunehmender Globalisierung und Virtualität auf dem Weg hin zu einer Art „Universalreligion“?  Als Gedankenexperiment hält unsere Gesprächspartnerin derartige Überlegungen durchaus für möglich, aber was hieße das konkret, wenn deren „Verwirklichung“ auf der Basis unterschiedlicher religiöser Traditionen stattfände? Sinnvoller sei es, Schattenseiten der Vergangenheit nicht zu leugnen, sondern daraus zu lernen. Überaus positiv sei weiterhin, dass für den Einzelnen keine gesellschaftlichen Sanktionen mehr drohten, wie auch immer er sich in Glaubensfragen positioniere. Das sei ein großer Unterschied zu früher. Entscheiden könne ohnehin nur jeder für sich – auch und besonders in Fragen der Lebenspraxis, die daraus erwüchsen. Für sie persönlich sei die grundlegende Solidarität, die der christliche Glaube beinhalte, „gebunden an das Vertrauen in eine transzendente Macht, die manche Gott nennen“, eine sehr überzeugende Option.

Nach der Bedeutung der Kirchen im heutigen Deutschland gefragt, unterscheidet die Theologin nicht zwischen den unterschiedlichen Konfessionen. Ihrer Meinung nach seien die Erwartungen an christliche Kirchen dort besonders hoch, wo es um Halt und Rückbindung – besonders in Krisensituationen und der Erfahrung von Leid – gehe. Hilfe für Schwächere, das diakonische Moment christlicher Lebenspraxis, werde von großen Teilen der Bevölkerung als besonders wichtiger Auftrag eingeschätzt. Darüber hinaus sei Kirche inzwischen auch ein Freizeitangebot – allerdings mit viel Konkurrenz…

Von den Schülerinnen und Schülern nach der Verbindlichkeit der Bibel im Allgemeinen und damit auch nach der Kritikwürdigkeit einzelner Textstellen im Besonderen gefragt, legt Prof. Könemann Wert auf die Feststellung, dass es sich hierbei um sehr unterschiedliche Glaubensdokumente handele, „gewordene Texte“, die im Kontext und in Bezug auf die historische und kulturelle Situation ihrer Entstehungszeit bewertet werden müssten. Manches, was heutzutage martialisch erscheine, sei in der damaligen Entstehungszeit schon ein radikaler Fortschritt gewesen. Als Beispiel verweist sie auf das berühmte Postulat „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, das vordergründig als Aufruf zur Rache verstanden werden könnte, im Kontext gesehen aber die Entstehung einer nicht endenden Gewaltspirale verhindern sollte. Eine grundsätzliche Entwertung der Bibel durch diese Form der modernen Textkritik – für einige Schüler unserer Runde eine logische Konsequenz – befürchte sie nicht.

Wie mächtig ist die katholische Kirche? Jedenfalls sei sie sei sie selbstverständlicher Teil bundesdeutscher Öffentlichkeit. Konfessionsgebundener Religionsunterricht sei auch an staatlichen Schulen die Regel, aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes ihrer Repräsentanten sei sie auch ausgesprochen „medientauglich“, die „Personenfixiertheit“ trage ihren Teil dazu bei.

Wir fragen nach Papst Franziskus. Erwartet unser Gast, dass sich ihre Kirche mit ihm und durch ihn verändert? Bisher habe sich vor allem die Art der Kommunikation verändert, ein neuer Stil, der noch keine neue Lehre sei. Wirklich viel verändert habe er also derzeit noch nicht.

Während des abendlichen  Vortrags referierte Frau Prof. Dr. Judith Könemann von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster  über moderne Formen des Glaubens und des Unglaubens. Auf der Basis quantitativer und qualitativer Studien  (also Repräsentativbefragungen und Tiefeninterviews), die in diesem Fall in der Schweiz durchgeführt wurden, aber den Ausführungen der Theologin zufolge   durchaus auf  die Bundesrepublik übertragbar seien,  stellte sie Trends individueller Religiosität in der Moderne dar.  Wie sind ihre Konstruktionsformen? Wie wird das individuelle Verhalten durch sie beeinflusst? Welches Umfeld und welche Ursachen führen zu mehr oder weniger Religiosität? Wer Interesse an einzelnen Ergebnissen hat, sei auf folgende Veröffentlichung hingewiesen:

Anmerkung der Autoren:           

Religiosität und Spiritualität zeigen sich in der Schweiz – so die These dieser Studie – in vier grossen Milieus: «Institutionelle» sind traditionell und freikirchlich christlich, «Alternative» setzen auf Esoterik und spirituelle Heilung, «Säkulare» sind indifferent oder religionsfeindlich. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung aber gehört den «Distanzierten» an. Ihnen ist Religion nur in bestimmten Situationen wichtig, ihre religiösen und spirituellen Überzeugungen sind oft diffus. Anhand repräsentativer Umfragen und Tiefeninterviews zeigen die Autoren, wie sich diese Milieus innerhalb der letzten fünf Jahrzehnte aufgrund von Wertwandel und sozialen Trends tiefgreifend verändert haben.

 Fundstelle: http://www.uni-muenster.de/FB2/kthd/forschen/paeda/religiositaet_moderne.html

Wir danken Frau Prof. Könemann, dass sie sich die Zeit für ein Gespräch mit uns genommen hat. Der „Blick über den Tellerrand“ hat sich in mehrfacher Hinsicht als überaus interessant erwiesen, die vor- und nachbereitenden Diskussionen im Kurs – an denen freundlicherweise kurzzeitig und spontan auch Rainer Bernd teilgenommen hat – waren eine gute Erfahrung – der Versuch eines herrschaftsfreien Diskurses im besten Wortsinn…

Text und Foto: Kerstin Niemeyer