Romeo und Julia – Tigger begeistern

Eine Liebesgeschichte, welche das Publikum zugleich verwöhnt und quält und zu den berühmtesten Stücken William Shakespeares zählt, präsentierten am Donnerstag auf ganz und gar beidruckende Art und Weise die Tigger (Theater im Güterschuppen) – unter Leitung ihrer Regisseurin Heike Duensing.

Geheimnisvoll eindrucksvoll und ausgesprochen ästhetisch brachten die Tänzerinnen (Antonia Foest und Luise Musolf) das Publikum zum Schweigen.
Julia (Merle Hartge) trifft erstmals auf Romeo. Julia ist eine Capulet, Romeo ein Monatague und so nimmt das Schicksal seinen Lauf…
Der „Chor“ (Amke Dierksen) tritt auf die Bühne und warnt: Ein Hauch aus Weh und Ohh sei zu erwarten, wenn Montagues und Capulets das Kriegsbeil nicht endlich begrüben.
Zunächst gilt es Romeo (Simon Littwin) von seinem Liebeskummer (noch liebt er Rosalinde) zu befreien. Benvolio (Lina Duensing) gibt sich alle Mühe, doch diese scheint vergebens. Romeo ist untröstlich.
Doch professionelle Hilfe naht. Mercutio (Sven Jacobs) erklärt mit polnischem (?)Akzent auf äußerst humorvolle Art und Weise die Vorzüge des Nachtlebens und überredet letztendlich seinen liebeskranken Freund Romeo ihn auf eine Party bei den Capultes zu begleiten.

Die Party ist ein voller Erfolg: Es gibt klassischen Tango, tolle Kirschen, Techno Beats und eine gehörige Portion Liebe auf den ersten Blick.
Von seiner grandiosen Bodenwelle und den tollen Kirschen der Nacht noch ganz verkatert ist Vater Lorenzo (Luise Musolf) wenig begeistert darüber, dass er bereits am nächsten Morgen vom jammernden Romeo besucht wird. Dieser klagt ihm sein Leid, in eine Capulet verliebt zu sein und bittet den zumindest zuweilen gewitzten Vater um Rat.
Romeo möchte Julia heiraten, doch Julias Mutter, Lady Capulet, hat ganz andere Pläne. Ihre Tochter solle Paris zum Mann nehmen und Romeo schleunigst vergessen. Die Amme (Antonia Foest) ist zunächst noch auf Julias Seite, Sie lässt sich darauf ein, zwischen Lorenzo/Romeo und Julia zu vermitteln.
Zur Belohnung für ihre Botendienste wird die Amme von Mercutio als „Bienenstrich“ bezeichnet- ein Bienenstich mit ranzigem Stich, so erfahren wir vom Lachgaranten und Erzähler (Daniel Häde) sei eine wenig schmeichelhafte Bezeichnung für reifere Damen aus dem professionellen Gewerbe.
Lorenzo vermählt Romeo und Julia. Er hat inzwischen seinen Rausch ausgeschlafen und ist davon überzeugt, dass eine Heirat der Liebenden den jahrelangen Streit der Familien beenden kann.
„Bei meinem Kopf, da kommt ein Capulet“ warnt Benvolio, „bei meinem Arsch, was interessiert mich das!“, entgegnet Mercutio. Doch das ist nicht ganz richtig. Es ist ein heißer Tag in Verona und die Gemüter sind hitzig. Es kommt zu einem Streit zwischen Tybalt (Sven Thiele) und Mercutio. Tybalt tötet Mercutio, Romeo rächt sich und tötet Tybalt.
Ein dramatischer Abgang, der mit Humor und Tragik zugleich den Betrachter irgendwo brutal zwischen Lachen und Weinen liegen lässt.
Einmal gestorben verlassen die Figuren die Bühne, indem sie sich „entkleiden“ und ihre irdischen Requisiten an langen Fäden gen Himmel schweben lassen.
Eine gemeinsame Nacht ist den Liebenden gegönnt, dann muss der verbannte Romeo nach Mantua fliehen.
Und Lady Capulet und Paris (Corinna Bontjer) sind sich einig, je schneller Julia und Paris vermählt werden, desto besser.
Romeo flieht und Julia bleibt, nachdem selbst die Amme zur Hochzeit mit Paris rät, nichts als Rat und Hilfe beim Tollkirschenvater Lorenzo zu suchen. Der hat auch gleich einen Plan parat: Ein Gift, das Julias Tod vortäuscht. Dieses solle sie nehmen und sich dann als (scheinbar) Tote in der Familiegruft bestatten lassen.
Der Plan geht auf: Die Amme findet Julia und kann ihre große Trauer nur mit einem guten Schluck aus der Schnapsflasche bekämpfen.
Romeo hätte eigentlich von dem Plan erfahren sollen. Hätte, denn die Nachrichtenübermittlung hat nicht geklappt. Auch er glaubt, dass Julia tot ist und nun wünscht er sich nichts sehnlicher, als ihr folgen zu können.
Er kauft sich eine Flasche Gift und
ermordet den die Todesszene störenden und distanziert trauernden Paris,
bevor er sich zur scheintoten Julia legt, das Gift nimmt und tatsächlich stirbt. Wenn zwei sich lieben… Julia erwacht aus ihrem Schlaf, sieht ihren toten Ehemann, zieht dessen Schwert und nimmt sich ebenfalls das Leben.
Vom Irdischen gelöst entschwinden sie vereint. Und so wird die grausamste aller Geschichten eben doch zur ganz und gar tröstlichsten. Und genau das ist es, was dieses Stück ausmacht.
Donnernden Applaus und „standing ovations“ vom Publikum haben die Tigger sich verdient. Mit ihrer humorvollen und zugleich berührenden Inszenierung der Tragödie „Romeo und Julia“ ist ihnen und ihrer Regisseurin Heike Duensing ein unterhaltsamer Spagat zwischen Ruhe und Bewegung, Klassik und Moderne, Licht und Schatten gelungen. Eine Meisterleistung, welche die Zuschauer fesselte und mit einer begeisterten Erinnerung in die sternenklare und frostige Nacht entließ. Herzlichen Dank!!!

Text: Silvia Hagen

Fotos: Amelie Alberts, Pia Jacobs

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