Auricher Wissenschaftstage

Auricher Wissenschaftstage – Forum einer dritten Kultur

„Haben Sie schon einmal etwas von Goethe gelesen?“ Was für eine Frage, wird sich jeder denken. Das ist doch selbstverständlich. Aber was ist mit folgender Frage: „Warum kann es ein Perpetuum mobile nicht geben?“ Muss man das wissen, werden sich viele fragen, obwohl das Perpetuum mobile ein uralter Menschheitstraum ist, an dem schon Leonardo da Vinci gearbeitet hat. Dabei ist die Unmöglichkeit eines Perpetuum mobile für die naturwissenschaftliche Kultur, der sogenannten zweiten Kultur, genauso eine Selbstverständlichkeit wie Goethes Werk dies für die geisteswissenschaftliche Kultur darstellt, der sogenannten ersten Kultur.

Seit Jahrzehnten gibt es eine tiefe Kluft und viele Sprach- und Verständnisbarrieren zwischen Vertretern der naturwissenschaftlichen und der geisteswissenschaftlichen Kultur. Angesichts globaler Herausforderungen an menschliche Gesellschaften, die nicht ohne naturwissenschaftliche Forschung, aber auch nicht nur mit ihr bewältigt werden können, ist es geboten, die Kommunikationslücke zwischen den beiden Kulturen zu überbrücken. Ferner berührt naturwissenschaftliche Grundlagenforschung zunehmend Grundfragen menschlicher Existenz in einer Welt, die als immer unübersichtlicher empfunden wird. Könnte dies Gefühl der Unübersichtlichkeit nicht auch seinen Grund in der Kommunikationslücke zwischen den beiden Kulturen haben? Notwendig ist ein offener, kritischer, ideologiefreier und transdisziplinärer Dialog zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, die von C. P. Snow geforderte dritte Kultur.

Prof. Nikolaus Knoepffler im Gespräch mit Ulricianern zu der Frage, was es bedeutet, wenn Ethik konkret wird.
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Die zentralen Herausforderungen auf unserem endlichen Erdball nehmen immer schärfere Konturen an: Globalisierung und demographischer Wandel. Wie sind wirtschaftliches „Nullwachstum“ und gravierende Zunahme der Weltbevölkerung von derzeit knapp 6 auf nahezu 10 Milliarden Menschen in etwa 40 Jahren vereinbar? Wie ist eine Energieversorgung mit weltweiter Nachfrageverdopplung in 25 Jahren sicherzustellen? Wie ist mit Material und Ressourcen bei globaler Nachfrageverdopplung in ebenfalls 25 Jahren umzugehen? Wie sind Information und Kommunikation bei einer Angebotsverdopplung in weniger als 5 Jahren überhaupt noch sinnvoll zu nutzen?

Naturwissenschaftliche Grundlagenforschung beschäftigt sich in ihrem Kern mit Fragen nach dem Ursprung des Universums, der Entstehung des Lebens, den Anfängen des Bewusstseins und letztlich der Suche nach einer großen Theorie, die die Elementarteilchen und das Universum eines nicht mehr fernen Tages verbinden soll. Diese Forschungsergebnisse berühren das menschliche Selbstverständnis und sind in ihrer gesellschaftlichen Tragweite nur im Rahmen einer dritten Kultur angemessen und konsensorientiert zu bewerten.

An der Schwelle zum dritten Jahrtausend sind zentrale Bildungsziele der gymnasialen Oberstufe wie die Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung und die verantwortliche Mitgestaltung des öffentlichen Lebens nur im Rahmen einer dritten Kultur zukunftsorientiert zu verwirklichen. Gleiches gilt für Leitziele wissenschaftspropädeutischen Arbeitens, beispielhaft seien hier die Einsicht in den Zusammenhang und das Zusammenwirken von Wissenschaften und das Erkennen von Grenzen wissenschaftlicher Aussagen angeführt. Diesem Anliegen ist die schulformübergreifende Kooperation zwischen den Berufsbildenden Schulen II und dem Gymnasium Ulricianum in besonderer Weise verpflichtet. Eine breite und von Sachkenntnis getragene Auseinandersetzung mit Wissenschaft, Technik und ihren Folgen stellt ebenso einen wichtigen Standortfaktor dar.

Die Auricher Wissenschaftstage werden mit freundlicher Unterstützung des Forschungszentrums Jülich, des Hahn-Meitner-Instituts, Berlin, und anderer wissenschaftlicher Institute und deutscher Großforschungseinrichtungen ausgerichtet. Insbesondere die Zusammenarbeit mit Großforschungseinrichtungen, die sich sowohl der Grundlagenforschung als auch der Auseinandersetzung mit globalen Herausforderungen der Zeit im Auftrag des Staates widmen, ist für diese Veranstaltungsreihe unverzichtbar. Die Sparkasse Aurich-Norden fördert die Auricher Wissenschaftstage im Rahmen ihres Kultursponserings.

Die Auricher Wissenschaftstage verstehen sich seit 15 Jahren als „Forum einer dritten Kultur“. Diese Konzeption ist nach wie vor sehr aktuell, wie beispielsweise das vor gut einem Jahr von Ernst Peter Fischer veröffentlichte Buch „Die andere Bildung“ oder die Konferenz zur „Sprachlosigkeit zwischen den Wissenschaftskulturen?“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften vom Oktober 2002 zeigen.

Josef Antony – Alexander Stracke – Wolfgang Völckner
(Organisationsteam der Auricher Wissenschaftstage)

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