Aufgaben und Ziele


Das Unterrichtsfach Griechisch leistet im Kontext der gymnasialen Schulbildung einen spezifischen Beitrag dazu, den gymnasialen Bildungsauftrag einzulösen. Durch seine Inhalte werden den Heranwachsenden Hilfen zur Entfaltung und Ausformung ihrer Persönlichkeit in der Verantwortung vor den Bedürfnissen ihrer Mitmenschen gegeben sowie eine klare Orientierung, wissenschaftspropädeutisch zu denken und zu arbeiten. Das Fach Griechisch gehört dem sprachlich-literarisch-künstlerischen Aufgabenfeld an und verbindet daher in besonderer Weise die sprachlichen Aspekte mit den kulturellen Implikationen. Die Begegnung mit der griechischen Antike stellt für die Lernenden ein besonderes Angebot dar: Sie erweist sich als Begegnung mit dem “Originären”. Der Griechischunterricht bietet daher Authentizität im Elementaren.

In unserer Zeit der modernen Kommunikationstechnologien, in der Informationen in unbeschreiblicher Fülle verfügbar und schnell abrufbar sind, in der Hast und Schnelllebigkeit den Alltag bestimmen, Tätigkeiten und ganze Berufsfelder sich verändern und wandeln, entsteht immer häufiger der Wunsch nach dem “Greifbaren”, nach Konstanten und festen Orientierungspunkten. Flexibilität und Vielseitigkeit zu jeder Zeit und an jedem Ort scheinen offenbar auch das Bedürfnis nach Vergewisserung und Selbstvergewisserung aufkommen zu lassen.

27_griechisch_kDie ungelösten gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Probleme unserer Zeit erfordern ein Nachdenken und Handeln, das grundlegende ethische Fragen miteinbezieht. Die Kenntnisse von den gemeinsamen Fundamenten der europäischen Kultur und Zivilisation bieten hier Orientierung und brauchbare Anhaltspunkte.

Die Frage nach den Zusammenhängen und den Wurzeln unserer Herkunft und Kulturen eröffnet auch die Frage nach dem, was Menschen miteinander verbindet! Hier liegt eine große Chance, miteinander in einen kulturübergreifenden Dialog einzutreten.

Sokrates

Das Fach Griechisch bietet dem Heranwachsenden im besonderen Maße Gegenstände, Inhalte und Themen an, die ihm bewusst werden lassen, dass er in einem historisch-kulturellem Kontinuum steht. Die Beschäftigung mit der griechischen Antike erlaubt es ihm auch, Grundfragen der eigenen Existenz zu stellen und Antworten von zeitloser Gültigkeit zu finden. Die Beschäftigung mit den durch die griechische Antike übermittelten Texten und Gegenständen erlauben dem Heranwachsenden in einen fruchtbaren Dialog einzutreten, in dem der gegenwärtige Standpunkt reflektiert wird, die Lösungen und Denkmuster der alten Griechen diskutiert und reflektiert werden und begründete Urteile und Entscheidungen für den einzelnen getroffen werden. So verbindet die Beschäftigung mit der griechischen Antike die Vergangenheit mit der Gegenwart und die Gegenwart mit der Zukunft. Insofern tritt der Heranwachsende in eine Kommunikation ein, die sowohl eine historische Dimension hat, da sie Projektionen auf der Folie der Vergangenheit evoziert, als auch eine ethische Dimension, da anthropologische Grundfragen von zeitloser Dauer und Gültigkeit bewusst werden und handelnd umgesetzt werden können. Die eigene Kultur lässt sich also durch den Kontrast mit ihrem Ursprung in ihrer historischen Bedingtheit besser erfassen und bietet Möglichkeiten ihrer Entwicklung, Ausformung und weiteren Gestaltung.

Die griechische Antike stellt mit ihren Werken, Inhalten und Aussagen ein wesentliches Fundament der europäischen Kultur dar und hat ihre Entwicklung tiefgreifend und vielfältig geprägt. So fördert der Griechischunterricht ein differenziertes Verständnis von der europäischen Gegenwart und befähigt zu einem reflektierten Umgang mit anderen Kulturen.

Aristoteles

Die Schülerinnen und Schüler erleben die griechische Antike als eine Welt, in der Menschen unterschiedlichster Herkunft mit vielfältigen Sitten und Bräuchen, Erfahrungen und Gewohnheiten, Dialekten und Sprachen ohne Preisgabe ihrer jeweiligen kulturellen Identität miteinander gelebt haben und damit die Fundamente unserer europäischen Kulturen und Zivilisation gelegt haben. Gerade der Blick auf den jeweils Anderen und das jeweils Andersartige ermöglichte jedoch einen Diskurs, in dem nicht nur kultureller Transfer erfolgte, sondern auch ein gegenseitig sich ergänzender und befruchtender Austausch, durch den die griechische Antike in der Rückschau hervor- und herausragende Leistungen hervorgebracht hat auf den Gebieten von

Staat und Gesellschaft

Religion und Philosophie

Naturwissenschaft und Technik

Literatur und Kunst

Einzelwissenschaften wie Mathematik, Medizin, Physik, Biologie, Geschichte und

politische Theorie

Verbreitung und Ausformung der christlichen Heilslehre.

Gerade dadurch eröffnet das Unterrichtsfach Griechisch mit seinen “originären” Themenkreisen Horizonte, die das Verstehen und das Verständnis unserer Kulturen auf die Basis einer fundierten Allgemeinbildung stellen. Dabei werden Grundlagen und Wurzeln der europäischen Idee begründet, spezifiziert und kontextualisiert.

Angesichts der Universalität der Fragestellungen und Anfragen an den Menschen, an Gesellschaftsformen und Lebensbedingungen auf der Basis “originaler” Zeugnisse wird eine fächerverbindende Perspektivierung freigesetzt, die den Schülerinnen und Schülern vielfältige Synergien ermöglicht; diese Effekte sind nicht nur in anderen Fächern spürbar und messbar, sondern manifestieren sich auch weit über Schule und Unterricht hinaus.

Die Vermittlung erfolgt auf der Grundlage griechischer Texte, die in den Lektionen zunächst weitgehend adaptiert sind, dann am Ende der Lehrbuchphase und schließlich in der Phase der kontinuierlichen Lektüre original sind. Das Erarbeiten der fremden Sprache ermöglicht ein langsames, ein um das treffende Wort ringendes Arbeitsverfahren. In diesem gleichsam “statarischen” Lektürevorgang liegt die Chance zur Ausprägung eines reflektierenden und reflektierten Sprachbewusstseins, das die Lese- und Verstehenskompetenz der Lernenden nachweislich verbessert und optimiert. Gerade auch durch die Erschließung der fremdsprachlichen Texte sehen sich die Schülerinnen und Schüler dazu aufgefordert, die Oberflächenstruktur eines Textes zu analysieren, die Funktionen sprachlicher Phänomene zu beschreiben und ihre Beziehung zum jeweiligen Inhalt zu ermitteln. Somit leistet das Fach Griechisch einen entschiedenen Beitrag zur Schulung von Methoden.

Friedgar Löbker

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