Was wollen eigentlich alle mit diesem „Faust“? Das Drama ist doch mittlerweile steinalt und hat schon längst jeglichen Bezug zur wahren Lebenswelt verloren. Seit seinem Erscheinen sind Jahrhunderte, in denen andere brillante Köpfe Theaterstücke geschrieben haben, vergangen. Viele präsentieren ähnliche Themen, jedoch deutlich zugänglicher für Leser jüngerer Generationen. Und doch, wir, der Kurs DE202, wollten „Faust“ und waren schnell überzeugt, dass das 213 Jahre alte Drama alles andere als eine einschläfernde Unterrichtseinheit aus dem Homeoffice sein würde. Vielleicht habt ihr Lust, unseren Eindrücken zu folgen: 

Faust, ein älterer Herr, um die 60.

Schon falsch: Laut Thomas Mann ist Faust, der zwar eigentlich an die 60 Jahre zählt, in Wahrheit ein Abbild des jungen Goethe. Jung und ungestüm wolle dieser die Welt entdecken, wie wohl jeder von uns, egal wie alt. Die Person des ehrwürdigen Professoren Dr. Faust sei demnach nur die äußere Hülle und … liebe Lehrer, seien Sie doch mal ehrlich… eine Hülle, um dem menschlichen Streben ein Gesicht zu geben und die Nichtigkeit des Wissenschaftlichen gegenüber der Natur aufzuzeigen. Der Jüngling stürmt und drängt, er möchte aus sich herausbrechen und sein Leben leben.

Faust jedenfalls ist Doktor und Magister, hat die vier Hauptfächer der Renaissance studiert und ist gebildet. Und zwar so gebildet, dass es ihm gar nicht gut damit geht. Er ist unzufrieden, depressiv und kurz vor Ostern dann sogar suizidal. Sein ganzes Leben hat er der Wissenschaft gewidmet, stets um Erkenntnis bemüht, umfassender, radikaler als alle anderen. Je größer sein Wissen, desto härter die Erkenntnis: Trotz aller Bemühungen ist sein Vorhaben, die wirklich bewegenden Fragen des Lebens zu beantworten, radikal gescheitert und wenn das Streben nach Daseinserkenntnis zum Scheitern verurteilt ist, dann ist auch das Leben nichts mehr wert. 

Zeichnung von Hannah Dittmann

Mephisto tritt auf und bringt Faust dazu, sich von seinen Idealen zu verabschieden.  Er verspricht Fausts Kelch mit Lebensfreude zu füllen, dafür solle Faust ihm im Jenseits dienen. Aus dem Pakt wird eine Wette und schon führt Mephisto den ahnungslosen Faust in das Reich der irdischen Verlockungen.

Und so bekommt Faust von Mephisto alles geboten, was uns jungen Menschen in Zeiten von Corona so gnadenlos verwehrt bleibt: Grenzenloses Feiern, Trinken und junge Liebe, diese allerdings ohne Verpflichtungen und Verantwortung. Junge Liebe?

Ganz genau. „Löse dich von allen äußeren, das Ich einschnürenden Einflüsterungen“. Mit Hilfe dieses Rats verleitet Mephisto Faust zum grenzenlosen Egoismus. Faust gehorcht und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Liebe auf den ersten Blick?

Faust und Gretchen

treffen aufeinander. Eine musikalische Inszenierung von Vivien und Tim

Beim zweiten zeigt sich, dass Faust mit Gretchens Gefühlen spielt und sie selbst für ihn kaum von Interesse ist. Er will sie einzig und allein zur Befriedigung seiner Bedürfnisse. Ein grobschlächtiger Fiesling, mag nun der ein oder andere Leser denken, aber Vorsicht!

Basieren nicht die Dating-Apps des 21. Jahrhunderts auf genau diesem Prinzip? Und auch wenn nicht gleich Tote fallen, wo ist der Unterschied mit der beispielsweise menschenverachtenden medialen Inszenierung von Bachelor und Co.?  Wie schnell könnte da auch über unseren Köpfen das Urteil des grobschlächtigen Fieslings schweben.

Betrachten wir also doch lieber einen anderen, schwergewichtigeren Fiesling – Mephisto selbst. Auf der einen Seite ein liebevoller Schalk und zugleich das Symbol des Bösen.  Bereits im „Prolog im Himmel“ setzt Mephisto das Leben eines völlig Unschuldigen aufs Spiel, nur um Gott und den drei Erzengeln zu beweisen, dass die Schöpfung Gottes Fehler aufweist. Er nutzt die Existenzkrise Fausts aus, um diesen zu verlocken und vom rechten Pfand abzubringen und dabei geht er sogar über Menschenleben.

Ein gefallener Engel, und das zu Recht, wenn da nicht die leise Stimme in unserem Hinterkopf wäre, die – um es in Thomas Manns Worten zu sagen – flüstert: „Steckt nicht in jedem (…) ein Stück Mephistopheles, ein Stück Schalk und Bösewicht? Wenn wir nichts hätten als die faustische Seele – wo kämen wir dahin?“  Wir leben in einer bipolaren Welt und brauchen auch das Böse als Teil des Ganzen. Faust und Mephisto sind voneinander abhängig, sie brauchen einander, um ihren eigenen Wert zu erkennen. Es ist unmöglich, damals wie heute, ein Leben frei von Schmerz, Leid und dem Bösen zu erleben. Ohne Kenntnis der Gegensätzlichkeit wären wir alle zur Orientierungslosigkeit verdammt.

              Zeichnung von Femke Willms

Grobschlächtiger Fiesling also hin oder her –ohne Mephisto geht es auch nicht.

Mit der Figur des Fausts hat Goethe den Entwurf des modernen Menschen geschaffen. Und dieser moderne Mensch will immer mehr: mehr Wissen, mehr Geld, mehr Sex. Am Ende ist nichts genug, Grenzen werden nicht akzeptiert. Rastlos hetzt er von einem „Event“ zum anderen. Sein Versuch, Fesseln von Glauben, Tradition und Natur abzustreifen, muss scheitern. Zufrieden ist er nie, gewissenlos zerstört er sogar, was ihn am Leben hält.

Es ist nahezu verstörend, dass Goethes Drama uns noch heute, nach 213 Jahren,  in einen besonders deutlichen Spiegel schauen lässt. Klimawandel, Liebesunfähigkeit, Rastlosigkeit, Radikalindividualismus, psychische Krankheiten, Materialismus und Oberflächlichkeit….

Wie gut, dass es da auch die andere Seite der Medaille gibt. Damals wie heute müssen wir für unser persönliches Glück, unseren Erfolg und unseren geistigen Wachstum kämpfen und zugleich dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, was um uns herum geschieht. Wir alle können nämlich einen positiven Anteil am Schicksal anderer haben! Eine Freiheit, die ein hohes Maß an Verantwortung mit sich bringt. Gerade jetzt! Gerade heute! 

Eine Gemeinschaftsproduktion des Deutsch Kurses EDE 202: Tim, Jacqueline, Julie, Maje, Hannah, Vivian, Nina, Timon, Anna, Steven, Yannick, Luise, Finn, Mathias, Tessa, Andre, Femke, Josephine und Jule